Rottenburg -
ehem. Kaufhaus Jeckel
Das sogenannte Jeckelareal liegt zentral im römischen SVMELOCENNA und der Rottenburger Altstadt zwischen Marktplatz, Kreuzgässle und der bis zur 10 m höher gelegenen Oberen Gasse. Der hier urkundlich 1589 erwähnte Adelshof fand nach dem letzten Stadtbrand von 1735 einen neuen Besitzer, der das Wohnhaus als Hotel und Gasthof „Zum Römischen Kaiser“ wieder aufbaute. Zuletzt diente dieses Gebäude als Wohn- und Geschäftshaus "Jeckel". Nach jahrelangem Leerstand plante die Wohnbau Rottenburg 2023 eine Neugestaltung und Umnutzung des Areals, die eine Sanierung des denkmalgeschützten Jeckelhauses und der Antoniuskapelle sowie den Neubau von mehreren Wohngebäuden und einer Pilgerherberge beinhaltet. Um Platz für die Neubauten zu gewinnen, mussten einige Gebäude weichen.
Archäologie in Bestandsgebäuden
Besonders die für die geplanten Neubauten notwendigen Bodeneingriffe erforderten archäologische Untersuchungen, die die Firmen fodilus und IKU gemeinsam übernahmen.
Wegen dem von der Hanglage aufgezwungenen Bauablauf musste dies vor Abbruch des Bestandes erfolgen. Insgesamt wurden neun kleine, isolierte Flächen geöffnet, die aus statischen Gründen nur teilweise erweitert werden durften. Hinzu kam die Nachbarparzelle des schon vor Beginn der Maßnahmen abgebrochenen Gasthaus „Zum Kreuz“.
Frühneuzeitliche Bebauung – und Keller über Keller
Die heutige Bebauung des Areals geht, mit Ausnahme der 1655 geweihten Antoniuskapelle samt ihren beiden Untergeschossen, auf die Zeit nach dem Stadtbrand 1735 zurück. Von der Vorbebauung zeugen ansonsten allein unter dem Jeckelgebäude sechs ältere Keller sowie weitere auf den benachbarten Parzellen, die z. T. auf unterschiedlichen Niveaus liegen.
In der Obere Gasse 23, in die im hinteren Teil die Antoniuskapelle integriert war, kamen Fundamente einer kleineren Vorgänger-Scheuer ans Licht. Der Schnitt reichte bis zur hangseitigen Rückwand der Kapelle, die außen verputzt war, also einst frei stand. Spätestens für den Neubau der Scheuer nach 1735 wurde dieser Bereich aufgefüllt. Vielleicht war die vom Hof erschlossene Kapelle ursprünglich (auch?) von der Oberen Gasse aus zugänglich.
Eine Ebene tiefer im Hofbereich zeigte sich unter dem Betonboden ein neuzeitlicher Brunnenschacht mit einer runden Baugrube von insgesamt ca. 5 m Durchmesser.
Die restlichen Schnitte lagen auf einem niedrigeren Niveau etwa auf Höhe des Marktplatzes.
In bester Lage SVMELOCENNAs
Zum Hauptarbeitsfeld wurde das Areal direkt hinter dem Jeckelhaus. In Schnitt 2 folgte unter dem Betonboden in 0,6 m Tiefe ein Pflaster mit Brandschicht. Sie gehört nach jetzigem Stand zum Stadtbrand von 1735. Unter dem Pflaster folgte unmittelbar eine komplexe römerzeitliche Befundlage. Jüngstes Element war eine 2 m breite und 1,6 m tiefe Eingrabung mit römischem Bauschutt und teilweise bemaltem Putz. Außergewöhnlich sind Fragmente von Leistenziegeln, deren Unterseite verputzt und u.a. mit grünem Blattwerk bemalt waren. Gegeneinander gestellt, könnten sie die sonst üblichen, hier fehlenden, tubuli einer Wandheizung ersetzt haben. Diese Eingrabung störte einen Nordwest-Südost verlaufenden Heizkanal, der in bereits römische Kulturschichten einschneidet und der südöstlich der Schnittgrenze nicht weiter verfolgt werden konnte (Abb. 3).
Die Schnitte 3 und 4 wurden mittig in zwei langschmalen, parallelen Räumen angelegt. Im gesamten Südostteil lag der Betonboden direkt auf Kopfsteinpflaster, das in Schnitt 4 an eine gemauerte Güllegrube stieß. Breite und Länge des Beckens waren nach einem bzw. knapp fünf Metern noch nicht erreicht.
Die Trennwand zwischen den Räumen stand größtenteils direkt auf einer römischen Mauer. Diese bildet im Nordwesten von Schnitt 3 eine Ecke und führt weiter nach Südwesten (Abb. 4). In südöstlicher Richtung lief sie auf einen in Lage und Richtung ungefähr entsprechenden Fundamentrest in Schnitt 2 zu; der Anschluss ist allerdings gestört (Abb.2). An die Längsmauer stößt stumpf rechtwinklig eine weitere Mauer an, die einen Raum abtrennte. Wohl wegen der fehlenden Verzahnung kippte die Quermauer schließlich nach Nordwesten um, wodurch auf der Unterseite Teile des bemalten Wandverputzes erhalten blieben. Nach Abtrag der Mauersteine gelang es, eine größere zusammenhängende Partie von der Rückseite her zu festigen und zu bergen (Abb. 5). Die Bemalung beschränkte sich auf Begleitstreifen und gehörte wohl zu einem nicht beheizbaren Nebenraum. Ein Y-förmiger Heizkanal fand sich dagegen auf der südöstlichen Seite dieser Wand. Dessen Anschluss nach Südosten war jedoch ebenfalls gekappt. Dessen Sohle wies fast dieselbe Höhe und Ausrichtung auf wie der Heizkanal in Schnitt 2; ein Zusammenhang ist dennoch ungesichert.
In Schnitt 4 wurden zwei römische Latrinenschächte erfasst. Eine störte die oben erwähnte Längsmauer und gehört somit zu einer jüngeren Bauphase.
Die unterschiedlichen Niveaus der römischen Befunde und die beobachtete starke Aufplanierung in Schnitt 6 – 9 sowie im hangseitigen Teil von Schnitt 3 sind Anzeichen für eine schon in römischer Zeit erfolgte Terrassierung des Geländes.
All dies sind Hinweise auf ein repräsentatives Gebäude beim hier vermuteten forum von SVMELOCENNA, das wohl noch im späten 2. und 3. Jahrhundert Umbauten erfahren hat. Bedauerlicherweise konnten die komplexen römischen Befunde aufgrund der schwierigen Bedingungen nur bruchstückhaft untersucht werden.
Quelle: Arch. Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2025, S.