Sindelfingen, Lange Straße

Das 1461 errichtete Gebäude Lange Straße 22 soll umfänglich saniert und dessen Hinterhof (ehemals Obere Burggasse 2) neu bebaut werden. Der noch bestehende Gewölbekeller im hinteren Teil wird dabei in den Neubau integriert. Das restliche Grundstück war nicht unterkellert und sollte deswegen im Vorfeld auf ältere, ggf. vorstädtische Spuren hin untersucht werden. Zu rechnen war außerdem mit den in der Region typischen Nachgeburtsbestattungen.

Diese fanden sich dann auch wenig überraschend im Boden des Gewölbekellers an fünf Stellen im anstehenden Mergel. Bereits bei Voruntersuchungen 2020 wurden entlang der Ostwand der bereits abgerissenen Oberen Burggasse 2 drei solcher Gefäße gefunden. Ein weiteres wurde hier 2021 geborgen. Aus verschiedenen frühneuzeitlichen Überlieferungen geht hervor, dass die Nachgeburt zeitnah in einem Keramikgefäß, ggf. mit Deckel oder Stein abgedeckt, vergraben werden sollte, um das Kind vor Unheil zu schützen. Als möglicher Platz dient ein Ort, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, also z. B. im Keller, unter der Treppe oder unter einem Baum. In Sindelfingen wurden bereits zahlreiche dieser Töpfe geborgen.

In Zusammenarbeit mit dem Bauhistoriker T. Marstaller konnte festgestellt werden, dass der Gewölbekeller nachträglich unter der Scheune von 1494 errichtet wurde. Verschiedene Kellermauern greifen nämlich in das Holzgerüst der Scheune ein. Dieser Vorgang stellt bei Fachwerkbauten jedoch kaum ein Schwierigkeit dar und ist vielfach belegt.

Das Gebäude der Oberen Burggasse 2 östlich der Langen Gasse 22 stand auf der Verfüllung einer ca. 9,00x9,00m großen und fast 2,00m tiefen Grube. Aus dieser konnten vereinzelte Tierknochen und Scherben des späteren 13. bis 14. Jh. geborgen werden. Dort, wo sie bei der Grabung erreicht wurde, fand sich auf der Grubensohle keinerlei "Bodensatz" oder Spuren von Einbauten. Demnach wurde die große Grube umgehend wieder verfüllt. Anscheinend war hier das Bauvorhaben eines großen Kellers noch während der Umsetzung aufgegeben worden. Die Grubenverfüllung muss sich dann über einige Jahre gesetzt haben, bevor man darauf wieder ein Haus (ohne Keller) errichtete.

Um die Baugeschichte  der Oberen Burggasse 2 zu klären, wurde wiederum eng mit T. Marstaller zusammengearbeitet. Das Gebäude bestand zuletzt aus einem Wohnteil mit Stall und innenliegendem Flur im Westen und einem Scheunenteil mit innenliegender Tenne und äußerem Heubarn im Osten. Der Scheunenteil wurde dendrochronologisch auf 1494 datiert, der Wohnteil wurde leider undokumentiert bereits 1968 abgebrochen. Alte Fotografien zeigen jedoch, dass sich der Scheunenteil weiter nach Westen erstreckte, Tenne und Hausteil waren von Beginn an durch eine Lehmflechtwerkwand getrennt. Dies könnte bedeuten, dass es sich bei der Oberen Burggasse 2 um den derzeit ältesten bekannten Eindachhof der Sindelfinger Altstadt handelt. Der Wohnteil wurde zu einem späteren Zeitpunkt fast bis an die Lange Straße 22 erweitert. Offen bleibt, ob dies der Bauphase der großen Grube zugeordnet werden kann. Die Nachgeburtstöpfe aus diesem Bereich können jedenfalls in das 17./18. Jh. datiert werden. Zu diesem Zeitpunkt bestand der neue Bau bereits, auch in der Urkarte von 1830 besaß das Gebäude seine maximale Ausdehnung.

An diesem Projekt wird deutlich, dass eine enge Zusammenarbeit der Archäologie und Bauforschung zu vielen neuen Erkenntnissen führen kann.

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